Corona und die Liebe

Die Krise schweißt zusammen – oder etwa doch nicht? Für viele Ehen könnten der Lockdown, Homeoffice und Schulschließungen der letzte große Beziehungstest gewesen sein. Von Thomas Strünkelnberg

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

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ehr Zeit für die Familie, für den Partner, raus aus dem beruflichen Hamsterrad – viele dürften sich das gewünscht haben. Jedenfalls vor dem Corona-Stillstand. Aber mal ehrlich: Während der Corona-Beschränkungen den ganzen Tag mit dem Partner verbringen, umgeben von quengelnden Kindern, die Hilfe beim Homeschooling (Hausunterricht) brauchen, die eigene Arbeit zu Hause im Homeoffice – das war mehr, als so mancher sich gewünscht hat. Oder verkraften konnte. War die Pandemie für Partnerschaften der ultimative Stresstest, stehen wir vor einer Scheidungswelle? Erst in einem Jahr, nämlich nach dem Trennungsjahr, dürfte klar sein, ob das stimmt. Einer Umfrage zufolge könnte die Zahl aber spürbar steigen.

Nachfrage steigt

Seit Mitte März registrierte die Berliner Familienrechtlerin Alicia von Rosenberg «unheimlich viele Anfragen» zu Scheidungen. Und während früher die Voraussetzungen erfüllt und das obligatorische Trennungsjahr absolviert waren, ist diesmal alles anders:

«Die Leute hatten sich gerade erst getrennt und sich nicht informiert, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen.»

Maren Otto, Paar-Therapeutin in Hannover, sprach von «größerem Andrang», die Anfragen stiegen um etwa ein Viertel – ausgerechnet in der Zeit, als Therapeuten wegen der Pandemie nicht arbeiten durften und telefonisch berieten. Normalerweise gebe es ein «Sommerloch», eine Zeit, in der die Menschen lieber in den Urlaub führen und keine Lust auf Paar-Coaching hätten: «Das war diesmal völlig anders.»

Rainer Bugdahn von der Hauptstelle für Lebensberatung der evangelischen Landeskirche Hannover sieht zwei klare Tendenzen: Im Corona-Lockdown hätten Familien mehr Zeit gehabt, miteinander zu reden – daher gebe es keinen akuten Beratungsbedarf. Bei anderen verschärften sich dagegen die Paar-Konflikte. Der Grund: Sie mussten mehr Zeit zusammen verbringen, während Kommunikationsfähigkeit und -wille gering seien.

«Welche Tendenz die stärkere ist, kann ich nicht benennen, da uns noch keine belastbaren Zahlen vorliegen»,

sagte er. Aber offensichtlich habe der sogenannte Lockdown dazu geführt, dass in Familien insgesamt mehr miteinander gesprochen werde – viele Paare hätten deshalb weniger Beratungsbedarf.

Lockdown bringt Bedenkzeit

Bei anderen dagegen wuchs der Bedarf: Ein Paar habe ihr erklärt, der Lockdown sei erstmals seit Jahren eine Chance gewesen, sich um alles zu kümmern – auch um rechtliche Fragen wie eine Scheidung, sagte von Rosenberg.

«Bei manchen ist das die Hürde, eine Scheidung anzugehen: Jetzt hat man auf einmal Zeit.»

Bei anderen habe sie bemerkt, dass es «geknallt» haben musste – der verordnete Rückzug in die eigenen vier Wände brachte die Entscheidung: Ich muss mich trennen.

Möglicherweise kein Einzelfall: Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey zufolge wird sich die Zahl der Scheidungen in Deutschland wegen der Corona-Beschränkungen voraussichtlich um ein Fünffaches erhöhen. Demnach sagten 2,2 Prozent der rund 2.500 Befragten, zwischen Ende März und Ende Mai beschlossen zu haben, sich scheiden zu lassen. In einem Zwei-Monats-Zeitraum 2018 seien es nur 0,42 Prozent aller Verheirateten gewesen.

Bei den Gerichten schlägt sich dies aber noch nicht nieder. Denn falls es zu Trennungen in der Corona-Zeit gekommen sein sollte, würden die Scheidungen erst im nächsten Frühjahr eingereicht werden können, weil das Trennungsjahr abgewartet werden müsse, erklärte ein Sprecher des Amtsgerichts Hannover.

Einen Ausblick auf das, was kommen könnte, geben aber Presseberichte über die Lage in China: Dort soll für viele Paare der erste Weg in Freiheit nach der Quarantäne zum Scheidungsanwalt geführt haben.

Rollenklischees verfestigt

Wieso ist das so? Maren Otto erklärte, besonders Paare mit Kindern seien in «krisenhafter Situation»: Kinder im Homeschooling, dazu Mutter und Vater im Homeoffice. Und wenn Absprachen nicht funktionierten, führe das zu großen Enttäuschungen. Viele Männer hätten sich mit dem Argument, Vollzeit zu arbeiten, zurückgezogen und die Frauen mit den Kindern und der eigenen Arbeit allein gelassen. Die Krise habe die traditionelle Rollenverteilung verfestigt, kritisierte sie. Bugdahn sagte, der Bedarf an Familienberatung bei Eltern-Kind-Konflikten – Stichwort «Homeschooling» – sei «merkbar gestiegen». Eltern seien manchmal überfordert und «mit ihrem Latein am Ende».

Und der Lockdown habe «wie ein Brandbeschleuniger» gewirkt, erklärte Otto. Denn mancher fühlte sich daheim eingesperrt, und wo es in der Partnerschaft ohnehin kriselte, kochte die Auseinandersetzung hoch. Das Problem: «Paar-Therapie per Telefon ist sehr schwer», erklärte die Therapeutin. «Es geht um Vertrauen.» Bei vielen älteren Paaren sei die Lage ernst, wenn sie zur Therapeutin kommen:

«Die Therapie ist der letzte Versuch.»

Doch möglicherweise kommt es nicht so schlimm wie befürchtet: Eine Mandantin habe erst einmal abgesehen von der endgültigen Trennung, sagte von Rosenberg. Der Grund: In der Zeit des Lockdowns wurde der Kontakt zu ihrem Ehemann viel besser. Da hatte die Corona-Krise ganz unerwartet auch ihr Gutes.

Trauerportal.de (dpa)
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